Afghanistan – Frieden durch Truppenabzug und Verhandlungen?

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  • Kinder in einem Flüchtlingslager. Some Rights Reserved by UN Photo/Eric Kanalstein 
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Methodenvorschläge: Pro-Contra-Debatte, bzw. strukturierte Kontroverse, Partnerpuzzle oder Abfassung eines Kommentars für eine Zeitung zum Konflikt und möglicher Konfliktlösung. Aus: Anne Huber – Kooperatives Lernen - kein Problem (Effektive Methoden der Partner- und Gruppenarbeit)

Woher kommt der Konflikt in Afghanistan?

Um den aktuellen Konflikt in Afghanistan zu verstehen, müssen wir zunächst etwas weiter in die Geschichte des Landes zurückblicken; denn insgesamt herrscht in Afghanistan schon seit über 30 Jahren Krieg. In diesem Krieg ging es von Anfang an nicht nur um Konflikte zwischen verschiedenen politischen und/oder ethnischen Gruppen in Afghanistan, sondern immer auch um die Interessen unterschiedlicher Akteure von Außen.

Der moderne Staat Afghanistan, wie wir ihn heute kennen, wurde 1919 gegründet, nachdem sich die Afghanen von den britischen Kolonialherren befreit hatten. Bestimmt hast Du schon einmal davon gehört, dass die Briten weltweit viele Kolonien hatten. Die Briten versuchten im 19. Jahrhundert auch das Gebiet des heutigen Afghanistan zu beherrschen, hatten aber Schwierigkeiten die vielen Stämme und mächtigen Clans, die in dem Gebiet leben, unter ihre Kontrolle zu bringen. Das Zusammenleben der Menschen war damals durch die Struktur der Stämme und Clans mit ihren besonderen Regeln und Traditionen geprägt. Stark beeinflusst waren diese auch durch den Islam, dem über 99 Prozent der Bevölkerung angehören. Die Stammesstrukturen haben sich bis heute gehalten und bestimmen maßgeblich den Alltag und die Abläufe des Zusammenlebens besonders in den ländlichen Gebieten.

 

Der Beginn des Konflikts

1978 vertrieb die kommunistische „Demokratische Volkspartei Afghanistans“ den afghanischen König, übernahm die Macht und rief die Demokratische Republik Afghanistan aus. Nicht alle Afghanen waren mit der Machtübernahme der Partei und ihrem politischen Programm einverstanden, und so entstanden Widerstandruppen, die sogenannten Mudschaheddin. Der Begriff Mudschaheddin bezeichnet jemanden, der für die Verteidigung und die Verbreitung des Islam kämpft. In Afghanistan kämpften die Mudschaheddin mit Waffengewalt gegen die kommunistische Regierung in Kabul. Das alles passierte in einer Zeit, in der das politische Geschehen und die allermeisten Konflikte weltweit maßgeblich vom „kalten Krieg“ geprägt waren. Es standen sich die beiden Wirtschaftssysteme des Kommunismus und Kapitalismus, repräsentiert durch die USA und Russland, gegenüber. Beide versuchten, möglichst viele Staaten politisch, militärisch und wirtschaftlich auf ihre Seite zu bringen. Oft mischten sie sich zu diesem Zweck auch in Konflikte ein und unterstützen eine der verfeindeten Konfliktparteien. In Afghanistan unterstützte die Sowjetunion die kommunistisch geprägte Regierung der „Demokratischen Volkspartei Afghanistans“, während die USA und ihr Verbündeter Pakistan, die Mudschaheddin Gruppierungen mit Geld und Waffen versorgten.

 

Besatzung durch die Sowjetunion

Als die kommunistische Regierung 1979 zu stürzen drohte, ging die Sowjetunion sogar soweit, in Afghanistan einzumarschieren und das Land zu besetzten. Es folgten zehn Jahre erbitterter Kampf der Mudschaheddin gegen die sowjetischen Besatzer und die von ihnen gestützte kommunistische Regierung in Kabul. Dieser Krieg endete erst 1992, nachdem sich die Sowjetunion 1989 aus Afghanistan zurückgezogen hatte.

 

Kurzer Frieden

Die unterschiedlichen politischen Gruppierungen und Parteien in Afghanistan setzten sich daraufhin zusammen und handelten einen Friedensvertrag aus, der die Gründung des Islamischen Staats Afghanistans und die Bildung einer demokratischen Regierung festlegte. Doch der Frieden währte nicht lange. Die verschieden Mudschaheddin-Gruppen, die gegen die Sowjetischen Besatzer gekämpft hatten, fanden die neue Regierung und deren demokratische Bestrebungen gar nicht gut, und schon bald begannen erneute Kämpfe.

 

Die Taliban kommen an die Macht

Die Taliban-Bewegung hat ihren Ursprung in den religiösen Koranschulen für Afghanische Flüchtlinge in Pakistan. Diese Schulen werden Madrassas genannt. Es gibt ziemlich viele davon im Grenzgebiet zwischen Afghanistan und Pakistan. Die Taliban glauben an eine sehr traditionelle und fundamentalistische Auslegung des Korans und sind stark vom traditionellen Rechts- und Ehrenkodex paschtunischer Klans beeinflusst. Die Volksgruppe der Paschtunen ist mit 40 Prozent die größte in Afghanistan, verfügt über eine eigene Sprache und eine reiche, jedoch sehr "unwestliche" Kultur. Vor allem am paschtunischen Ehrenkodex, dem "Paschtunwali", wird dies deutlich. Dieser legt besonders viel Wert auf Familienzusammenhalt und Gastfreundschaft, aber auch auf Blutrache. Die Taliban lehnen jede Form von Demokratie ab und werden in den deutschen Medien auch oft als Aufständische bezeichnet.

Mit Waffen und Geld aus Pakistan begannen die Taliban 1994 gegen die Regierung in Kabul zu kämpfen. Nach zwei Jahren gelang es ihnen, die Regierung zu stürzen und selbst die Macht zu übernehmen. Sie riefen das "Islamisches Emirat Afghanistan" aus und verboten viele Dinge, die zum alltäglichen Leben gehören, wie z.B. Musik, Sport, Fernsehen, Kino, Kunst und Literatur. Sie zerstörten auch Parkanlagen und Einkaufsstraßen, weil all diese Dinge nicht zu ihrem fundamentalistisch-islamistischen Weltbild passten. Viele Schulen und Universitäten wurden geschlossen. Während sich die Männer Bärte wachsen lassen mussten, litten Frauen und Mädchen ganz besonders unter dem Terrorregime der Taliban: Sie mussten sich mit Ganzkörperschleiern bedecken, durften ohne männliche Begleitung ihre Wohnungen und Häuser nicht mehr verlassen und durften auch nicht mehr zur Schule gehen.  

 

Al-Qaida und die Anschläge vom 11. September 2001

Als am 11. September 2001 zwei entführte Passagierflugzeuge von Selbstmordattentätern in das World Trade Center in New York gelenkt wurden und Tausende Menschen starben, vermutete die Regierung der USA, dass das weltweit operierende islamistische Terrornetzwerk Al-Qaida und sein Anführer Osama Bin Laden hinter den Anschlägen steckten. Der damalige Präsident der USA, George W. Bush, und seine Mitarbeiter verdächtigten die Taliban, Osama Bin Laden im Afghanistan Unterschlupf zu gewähren und ihn zu schützen. Obwohl sie ihre Vermutungen nicht beweisen konnten, beschlossen sie Afghanistan zu bombardieren und die Taliban zu stürzen. Sie erhofften sich davon, Osama Bin Laden gefangen zu nehmen und seine Organisation Al-Qaida zu zerschlagen.

 

Die „Operation Enduring Freedom“ in Afghanistan

Der Krieg der USA in Afghanistan ist Teil einer großangelegten Offensive gegen den weltweiten Terrorismus, die „Operation Enduring Freedom“, also Operation dauerhafter Frieden, genannt wird und abgekürzt OEF heißt. Der Hauptakteur der Operation sind die USA und ihre Streitkräfte, die von den Soldaten verbündeter Staaten unterstützt werden. Auch Deutschland hat sich nach einem Beschluss des Bundestages vom November 2001 von Beginn an militärisch an der Operation beteiligt, indem Soldaten, Waffen und Kriegsgeräte nach Afghanistan geschickt wurden.

Den Streitkräften der USA und ihren Verbündeten gelang es, nach der Invasion des Landes im Oktober 2001 innerhalb von zwei Monaten die Taliban zu stürzen und sie aus Kabul zu vertreiben. Der Rückhalt der Taliban in der Bevölkerung schwand rasch, auch weil viele Afghanen froh waren, dass der Schreckensherrschaft ein Ende bereitet wurde. Die OEF wurde in den Jahren nach der Invasion Afghanistans von Rechtsgelehrten auch in Deutschland als völkerrechtswidrig, also als Handlung gegen das Völkerrecht eingestuft.

 

Die Konferenz auf dem Petersberg und die Loya Dschirga

Bald nach dem Sturz der Taliban wurde auf dem Petersberg bei Bonn von den USA und ihren Verbündeten eine Konferenz einberufen, bei der verschiedenen Vertreter der afghanischen Gesellschaft über die politische Zukunft des Landes berieten. Im Anschluss an die Konferenz tagte im Sommer 2002 eine sogenannte Loya Dschirga. Eine Loya Dschirga ist eine große Versammlung von Clanführern, die immer dann einberufen wird, wenn es um die Besprechung und Klärung wichtiger Fragen und Probleme geht, die das Land und die in ihm lebenden Volksgruppen und Stämme betreffen. Die Dschirga ist ein jahrhundertealtes, traditionelles afghanisches Instrument um Konflikte gewaltlos zu lösen.

Allerdings wurden die Teilnehmer der Loya Dschirga durch die USA und ihre Verbündeten ausgewählt, was dazu führte, dass nicht alle wichtigen Stammes- und Clanführer daran teilnahmen. Das Grundprinzip der Loya Dschirga, nämlich das Einbeziehen aller Konfliktparteien, wurde so außer Kraft gesetzt. Wie Du Dir vorstellen kannst, sind die Stammes- und Clanführer, die nicht eingeladen waren, nicht zufrieden mit dem Ergebnis der Dschirga, das hauptsächlich den Vorstellungen der USA entspricht, und erkennen es nicht an. Dadurch wird den Beschlüssen der Loya Dschirga, die unter anderem Hamid Karzai zum Oberhaupt einer sogenannten Übergangsregierung ernannte, von vorneherein die Glaubwürdigkeit genommen.

 

Die ISAF

Ein weiteres Ergebnis der Petersberger Konferenz war die Einsetzung einer internationalen Schutztruppe für Afghanistan, die für den Zeitraum bis zu den Wahlen die Übergangsregierung und die Vorbereitung der Wahlen schützen sollte. Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen erteilte der sogenannten Afghanistan Schutztruppe im Dezember 2002 ein Mandat und legitimierte den Einsatz damit völkerrechtlich. Offiziell heißt diese Truppe „International Afghanistan Assistent Force“, abgekürzt ISAF. Sie besteht aus Soldaten aus 42 Ländern und wird von der NATO geführt. Afghanistan wurde in fünf Militärregionen aufgeteilt, die jeweils unter dem Oberbefehl eines Landes der ISAF-Koalition stehen. Deutschland ist beispielsweise für den Norden Afghanistans zuständig. Aufgabe der ISAF ist es, durch ihre militärische Präsenz für mehr Sicherheit und Stabilität im Land zu sorgen. Am Anfang beschränkte sich der Einsatz auf den Raum Kabul und wurde im Laufe der letzten zehn Jahre stetig ausgeweitet. Zu Beginn des Einsatzes waren viele Afghanen froh, dass das Terrorregime der Taliban gestürzt worden war. Die afghanische Bevölkerung stand den ISAF Truppen zumeist positiv gegenüber, die Soldaten konnten sich relativ sicher in Städten und Dörfern bewegen und mit der Bevölkerung in Kontakt treten.

 

Die Rückkehr der Taliban

Mit der Zeit aber verschlechterte sich die Situation. Die Taliban wollten sich mit ihrer Vertreibung aus Kabul und mit den neuen Besatzern im Land nicht abfinden. Nach ihrem Rückzug 2001 formierten sie sich neu und versuchten ab 2003 in den Dörfern und Städten Afghanistans ihre alte Macht und ihren Einfluss wiederherzustellen. Sie begannen die neue Regierung der „Islamischen Republik Afghanistan“ unter Präsident Hamid Karzai und die ISAF Truppen zu bekämpfen. Es gab immer mehr Attentate auf die Soldaten, aber auch viele Selbstmordattentate auf Marktplätzen oder vor afghanischen Polizeiwachen oder Militäreinrichtungen. Afghnische Polizeiwachen und Militäreinrichtungen sind ein beliebtes Ziel der Taliban, weil sie mit den Soldaten der ISAF zusammenarbeiten und von diesen ausgebildet werden. Immer mehr afghanische Zivilisten und ISAF Soldaten starben bei diesen Attacken der Taliban.

 

Schon wieder Krieg!

Als Reaktion auf die Anschläge der Taliban fordern die ISAF-Truppen verstärkt Luftangriffe, vor allem durch die Streitkräfte der USA, an. Bei großangelegten Luft- und Artillerieangriffen auf vermeintliche Stellungen der Taliban, kommen immer wieder viele afghanische Zivilisten ums Leben oder werden verletzt. Aber trotz der vielen Luftschläge und einer massiven Aufstockung der ISAF-Truppen hat sich die Sicherheitslage in den letzten Jahren zunehmend verschlechtert. Auch in Provinzen, die früher als relativ sicher galten, nehmen die gewalttätigen und kriminellen Aktivitäten zu. Die Leidtragenden sind, wie so oft in den letzten 30 Jahren, die afghanischen Zivilisten: Sie leiden sowohl unter dem Terror der Taliban als auch unter der Luftangriffen der NATO. Zudem erschwert die schlechte Sicherheitslage vielen Afghanen den Zugang zu humanitärer Hilfe, zu Krankenhäusern und Schulen. In diesem Klima der Angst und Unsicherheit kann im Land keine stabile Wirtschaft und Infrastruktur aufgebaut werden und viele Hilfsorganisationen können ihre Projekte, die den Menschen vor Ort helfen sollen, nur zum Teil oder gar nicht durchführen. Gleichzeitig wird auch die politische Lage im Land immer schwieriger. Präsident Karzai verliert an Rückhalt in der Bevölkerung, weil seine Regierung viele Versprechen nicht umsetzt und sehr korrupt ist. Außerdem wurden bei den Wahlen 2009, die Karzai  gewann, in hohem Maße Stimmzettel gefälscht und das Wahlergebnis zugunsten Karzais manipuliert. Viele Menschen wenden sich daher der Opposition zu und in den bitterarmen ländlichen Gebieten auch den Taliban.

Durch den erneuten Krieg und die enttäuschende politische Situation entsteht ein Teufelskreis aus Gewalt, Armut und Hoffnungslosigkeit. Immer deutlicher wird dabei, dass der Westen mit seiner militärischen Strategie gescheitert ist und dass der Konflikt mit militärischen Mitteln nicht zu lösen ist. Im Gegenteil: Ein Fortführung oder gar Ausdehnung des Krieges hätte für die Menschen vor Ort, aber auch für die gesamte Region, fatale Auswirkungen. Sie würde eine friedliche Lösung des Konflikts immer schwieriger machen.

 

Was denken die Menschen in Deutschland über den Krieg in Afghanistan?

Auch in den Ländern, die sich durch die Entsendung von ISAF Soldaten am Krieg in Afghanistan beteiligen, wachsen die Skepsis und die Ablehnung gegen den Afghanistaneinsatz. In Deutschland lehnen etwa zwei Drittel der Bevölkerung den Afghanistaneinsatz ab. Zu dieser Haltung trägt maßgeblich bei, dass jahrelang von Seiten der verantwortlichen Politiker - sowohl unter der rot-grünen, als auch der schwar-gelb Regierung - bestritten wurde, dass sich Deutschland an einem Krieg beteiligt. Bundeskanzler/in und Verteidigungsminister betonten stets, es handle sich um einem Aufbau- und Friedenseinsatz. Gleichzeitig starben seit Beginn des Einsatzes vor mehr als zehn Jahren viele deutsche Soldaten bei Kämpfen in Afghanistan. Vor allem aber beobachten die Menschen in Deutschland, dass die Situation in Afghanistan immer schwieriger und auswegloser wird und ein Frieden mit militärischen Mitteln ganz offensichtlich nicht zu erreichen ist; denn jede militärische Aktion bewirkt neue Aufstände.  

 

Und was denkst DU über den Krieg in Afghanistan?

Am 5. Dezember 2011 fand in Bonn eine Afghanistan-Konferenz statt. Zehn Jahre nach der Petersberg-Konferenz stand sie symbolhafterweise unter afghanischem Vorsitz. Es wurde vereinbart, dass sich nach dem Abzug der Kampfeinheiten bis 2014 eine zehnjährige Übergangsphase anschließen wird. Der wichtigste Punkt ist dabei die Zusage des Westens, die afghanischen Sicherheitsorgane auch weiterhin zu unterstützen. Kennst du Menschen aus Afghanistan? Was berichten sie über ihr Land? Was meinst Du, sollten die Menschen in Afghanistan ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen, oder sollte sich die internationale Staatengemeinschaft weiter engagieren? Diskutiere in Deiner Klasse oder mit Deinen Eltern darüber!

Akteure

Taliban
Afghanische Regierung
ISAF (Internationale Afghanistan Schutztruppe)
Truppen der OEF (Operation Enduring Freedom)

Beginn

2001

Zivile Konfliktbearbeitung

Regionale Friedenslösung und Entwicklung einer stabilen Ökonomie

Wie kann der Konflikt friedlich gelöst werden?

Die Basis jeder friedlichen Lösung ist eine Verständigung der unterschiedlichen afghanischen Akteure. Möglich könnte dies werden, wenn die innerafghanischen Akteure - also die verschiedenen Mudschaheddin Gruppen, die Stammes- und Clanführer, die Regierung, die politische Opposition, Intelektuelle und die Taliban - mit friedlichen Mitteln dafür gewonnen werden könnten, sich an den Verhandlungstisch zu setzten und eine gemeinsame Basis für eine friedliche Zukunft des Landes zu finden. Erst dann sollten Akteure von Außen, wie z.B. die Nachbarstaaten und später die internationale Gemeinschaft, ins Spiel kommen, um auf der Grundlage der innerafghanischen Friedenslösung ihren Teil zur Sicherung des Friedens beizutragen.

 

Traditionelle Konfliktbearbeitung

Für die innerafghanische Konfliktlösung besonders wichtig sind dabei die traditionellen afghanischen Formen der zivilen Konfliktbearbeitung. Das wichtigste Modell hast Du bereits beim Durchlesen des Konflikttextes kennengelernt: Die Dschirga. Eine Dschirga ist eine Versammlung, bei der alle Akteure des Konflikts einbezogen werden und anhand von Verhandlungen versuchen, eine für alle annehmbare Kompromisslösung zu finden. Angewandt werden die Dschirgas nicht nur bei Konflikten zwischen Stämmen und Clans oder zwischen den verschiedenen ethnischen Gruppen im Land, sondern auch bei Streit zwischen Familien und zwischen Individuen.

Die Art und Weise, Konflikte durch Verhandlungen und Kompromisse zu lösen, gehört zum Kern der afghanischen Kultur. Jeder Afghane kennt sie und weiß damit umzugehen, egal welchem Stamm, Clan oder welcher ethnischen Gruppe er angehört und ob er den Taliban oder der Regierung nahe steht. Die Dschirga ist aufgrund dieser besonderen Eigenschaft ein wichtiges Instrument der zivilen Konfliktbearbeitung, dessen Potential bisher nicht ausgeschöpft wurde. Denn dazu müssten ALLE innerafghanischen Konfliktparteien an einem Tisch sitzen und sich ohne Druck und Einfluss von Seiten anderer Staaten über eine friedliche Zukunft des Landes verständigen. Selbst ohne Einflüsse von außen dürfte es eine Herausforderung für Afghanistan sein, eine solche Dschirga abzuhalten. Bisher waren die Verhandlungen jedoch immer stark von Akteuren von Außen, wie den USA, und europäischen Ländern, darunter auch Deutschland, beeinflusst, weil diese ihre eigene Sicherheit und ihre eigenen Interessen gefährdet sahen.

 

Friedens-Dschirga

Ein erster Schritt in die Richtung unabhängiger und selbstbestimmter Friedensverhandlungen ist die „Nationalen Friedens-Dschirga Afghanistans“, die im Mai 2008 von 3000 Stammes- und Clanführern sowie religiösen Würdeträgern, Abgeordneten und Intellektuellen gegründet wurde. In einer Erklärung formulierten die Teilnehmer der Dschirga einen detaillierten Friedensplan. Dessen Grundlage sind selbstbestimmte Verhandlungen - die alle Teile der Gesellschaft, einschließlich der Taliban, miteinbeziehen - und der Abzug der ausländischen Truppen.

Zusammen mit der deutschen Organisation Kooperation für den Frieden richtete die Nationale Friedens-Dschirga Afghanistans auch konkrete Vorschläge und Forderungen an die Bundesregierung. Dazu gehören die Einstellung aller Kampfhandlungen der Bundeswehr auf afghanischem Gebiet und der Abzug der Truppen. Außerdem fordert die Friedens-Dschirga weniger Geld in den Bundeswehreinsatz und dafür mehr Geld in die zivile Konfliktbearbeitung zu stecken. Alle Forderungen und Vorschläge im Detail kannst Du Dir unter den untenstehenden Links angucken!